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Rollen lassen

Die Städte werden immer voller - jetzt soll Mikromobilität die Rettung bringen



Voller wird's nicht.
Für Alex* beginnt der Tag früh, oder besser die Nacht, denn schon ab um 3Uhr muss der Berliner mit seinem Transporter auf die Straße, um die E-Scooter, welche er Abends zuvor eingesammelt und über Nacht bei sich aufgeladen hat, wieder an die ihm vorgegebenen Orte zu platzieren. Schafft er es nicht pünktlich, alle Roller in der Stadt zu verteilen, dann drohen ihm Lohnabzüge. Dabei ist das Gehalt schon so nicht üppig. Pro Roller bekommt der junge Mann 4 Euro. Davon müssen allerdings noch die Sprit- und Ladekosten abgezogen werden. Wegen der schlechten Bezahlung kommt es häufig zu Streitigkeiten unter den Einsammler*innen, wenn sich mehrere auf einen Scooter stürzen. Die Miniselbstständigkeit, wie sie auch in der Lieferindustrie häufig kritisiert wird, führt dazu, dass die Beschäftigten weit weg vom gesetzlichen Mindestlohn, der bei über 9 Euro pro Stunde liegt, bezahlt werden und ihre Sozial- und Krankenversicherungsabgaben zu 100 Prozent selbst tragen müssen. 
Derweil tragen die Roller auch noch dazu bei, die ohnehin zu kleinen Radwege weiter zu verstopfen und die Menschen dazu zu animieren, vom Rad auf den bis zu 25km/h schnellen E-Scooter umzusteigen.
Dieser hat nur eine Lebensdauer von etwa einem Jahr, ehe er fast in Gänze verschrottet wird. Zuvor hat man* für ihn viele wertvolle Ressourcen, so z.B. seltene Erden (Neodym, Dysprosium), aufgewendet und unter hohem Wasserverbrauch und mit giftigen Gemischen, diese Stoffe aus den Sedimenten gelöst. Doch die Anbieter, zumeist noch Leih-Unternehmen, wie Voi, Tier oder Lime, sind auf dem Vormarsch und verdienen mit ihren Rollern pro Stunde ungefähr 10 Euro. Während die Dinger im Einkauf aus Fernost schon für 350 bis 400 Euro zu bekommen sind. Da lohnt sich natürlich eine aufwendige Reparatur und Instandhaltung nicht, wenn es viel günstiger einen neuen gibt. 
einfach überall Treppen - dann kann
gar nichts mehr fahren
Die so genannte Mikromobilität ist ein völlig neuer, auf Wachstum orientierter Markt. Vor allem in den Megastädten, die immer größer werden, wird sie zum bestimmenden Moment, wenn Dank immer mehr und immer größeren Autos bald gar kein Platz mehr ist. Allein in diesem Jahr war jeder dritte in Deutschland zugelassene Wagen ein SUV, mit durchschnittlich knapp fünf Metern Länge und einem Spritverbrauch von 15 Litern Benzin. Auf der anderen Seite stehen bereits eine Million verkaufte Pedelecs, also Fahrräder mit Batterieunterstützung. Bis 2030 soll sich das Umsatzvolumen in diesem Segment auf 500 Milliarden weltweit ausdehnen. Auch VW steigt nun in den Ring, mit einem dreirädrigen, überdachten Roller wollen die Wolfsburger im Markt mitmischen.
Was den Menschen und der Umwelt am Ende wirklich nützt ist das Bewusstsein, dass nicht jeder Weg mit dem eigenen PKW zurückgelegt werden muss - schließlich sind die Hälfte aller in den Städten bewältigten Strecken geringer als acht Kilometer. Und die Verkehrsraumaufteilung völlig neu gedacht wird, ob nun mit oder ohne E-Scooter.



*Name geändert
Quelle: Da rollt noch was, A. Jensen, Ver.di publik 5-2019; Bilder:Von Giorgio Sommer - Eigener Scan, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3498939; 
Von André D Conrad, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16310888

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