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Bitte Wenden

Die deutsche Autoindustrie hat keine Wahl, startet sie jetzt nicht durch, bleibt sie auf der Strecke - ein Klagelied


Blickt man in eine erdachte Zukunft des Jahres 2040, so könnte sich folgendes trauriges Bild ergeben: vor fünf Jahren schloss das letzte verbliebene VW Werk seine Pforten, das letzte Auto lief vom Band, es war weder rein elektrisch, noch autonom fahrend, sondern ein SUV mit Dieselantrieb. Volkswagen ordnete sich ein in eine Reihe mit einstige Branchenriesen wie Grundig, Kodak oder Sony. Alle einst Primus ihrer Klasse und dann von hinten erst zögerlich, doch dann immer wuchtiger von anderen, kleineren, wendigeren und vor allen Dingen innovativerer Unternehmen eingeholt und abgehängt. 
Wenden wir uns aber wieder der Gegenwart zu, in der es durchaus noch Hoffnung gibt, für eine der größten in der Bundesrepublik wirtschaftenden Industriezweige. Zwar rangiert aktuell BMW mit seinem i3 Modell aus Leipziger Fabrikfertigung nur auf Rang 14 der absatzstärksten E-Modelle weltweit wohl bemerkt, doch kommen im nächsten Jahr neue, vielversprechende Baureihen auf den Markt, so etwa der lang herbeigesehnte ID von VW, gefertigt in Zwickau. Der von den Wolfsburgern erdachte Wagen soll nicht mehr kosten als ein herkömmlicher VW Golf mit Dieselantrieb und dabei völlig emissionsfrei und mit guter Reichweite unterwegs sein. 
Da war die Welt noch in Ordnung: Merkel auf dem Autogipfel anno 2013
 mit vergangenen und noch erhaltenen deutschen Autobossen
Dennoch sind andere Nationen mit ihren Tech-Unternehmen, die zum Großteil gar keine klassischen Fahrzeugbauer sind, wie etwa Apple oder Google, längst weiter. Allein im Silicon Valley arbeiten bereits heute 700 Firmen an autonomen und umweltgerechten Fahrzeuglösungen. Neben Tesla, dem Marktführer in Sachen Elektromobilität, welcher mit einer Produktionskapazität von 20.000 Stück des Modell 3 pro Monat die höchste Produktionsdichte in der gesamten Liga der Autobauer aufweist, sticht vor allem die Google Tochter Waymo hervor. Das kalifornische Unternehmen schickt sich an bereits in diesem Jahr mit ihrer Fahrzeugflotte über 20 Millionen autonom gefahrene Kilometer zu erreichen und zwar gänzlich ohne menschlichen Eingriff hinterm Steuer. So wurden jetzt 20.000 Elektromobile bei Landrover bestellt, die mit der neuen Technik ausgestattet werden sollen und dann bald zur Marktreife geführt werden. 
Deutsche Hersteller können davon nur Träumen, alleine mit Projektstudien und ein paar statischen Teststrecken ist heute keine Blumentopf mehr zu gewinnen. Die nötige Technik ist längst da, doch schaffen es Daimler, Opel und Co einfach nicht etwas daraus zu machen, stattdessen heißt es weiter in klassischen Zyklen denken und veraltete Techniken umarmen. Der Stand Heute entstandene Innovationsrückstand ist nicht mehr einzuholen, stattdessen gilt es sich bereits bewährter Mittel zu bedienen und darauf aufbauend die noch zu lösenden Fragen anzugehen, auf die auch die Konkurrenz bisher noch keine Antwort hat. Es wird Zeit, dass die deutsche Autoindustrie aus dem Wachkoma geholt wird und die Weichen Richtung Zukunft stellt, und zwar nicht nur mit Stellenstreichungen, wie jetzt bei VW, wo 4000 Stellen wegfallen. Die Arbeiter*innen sind nicht das Problem, sondern die Konzernvorstände. "Das Spiel ist noch nicht verloren" sagt Herbert Diess, der VW-Boss, wollen wir es hoffen.

Quellen: G. Piper, "Wir Spätzünder", LVZ 15./16.12.18; Foto: Von RudolfSimon - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27969532

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