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Verkehrspolitik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die Antwort von Politik und Gesellschaft auf die Krise der Autoindustrie ist zu banal


Nein liebe Bundesregierung, wir fallen nicht auf euren Trick herein. Bloß weil ihr die Autobosse rügt, sie mögen sich doch bitte an die Spielregeln halten, heißt dies noch lange nicht, dass ihre eure vermeintliche Denke auch konsequent umsetzt. Mit ein paar Euro Subvention für E-Autos, die wegen der schleppenden Entwicklung deutscher Hersteller nach 50km intensiven Fahren die Hufe hochreißen, ist es ebenso wenig getan, wie mit vollmundigen Versprechungen auf eine baldige Batteriezellproduktion zwischen Oder und Rhein. 
Die langjährigen Versäumnisse bei VW, Daimler usw. usf., bei gleichzeitigem Stillhalten oder besser Hofieren der Politik gegenüber diesen, können nicht mit solch trivialen Maßnahmen beantwortet werden. Nachdem jahrelang der Diesel als Heiligtum im Kampf gegen CO2 gepriesen wurde, steht er jetzt als Schwarzer Peter gebrandmarkt in der Ecke. Plötzlich sind die Klimaziele egal, denn Benziner stoßen bekanntlich deutlich weniger NOX aus und diese Stickoxide waren ja nunmal Stein des Anstoßes im Dieselskandal. Sich immer nur auf ein neues Problemfeld zu stürzen hilft wenig dabei die schon bestehenden zu lösen, es ergibt sich lediglich eine Verschiebung im Aufmerksamkeitsspektrum. Dieses Spiel wiederholt sich zyklisch immer wieder, bis der ganze Haufen mal über der Welt zusammenbricht und dann ist Amargedon. 
Ist doch alles nur noch Schrott.
Unser Erkenntnisstand reicht nach diesen zwei Absätzen also schon soweit, als dass wir sagen können, mit der Verbrennungstechnologie muss zu Liebe unseres Klimas und unserer Gesundheit schnell Schluss sein. Auch dass die Autobauer für ihre Frevel Sühne leisten müssen ist unbestreitbar. Diese muss zwangsläufig einen monetären Charakter haben, bzw. die betrogenen Verbraucher*innen materiell in ähnlicher Form entschädigen. Doch wenn die Vergangenheit einmal bewältigt ist, tun sich in der Zukunft die weitaus größeren Herausforderungen auf. Neue Antriebstechnologien müssen ebenso her, wie Arbeitsplätze in zukunftstauglichen Bereichen. Bloß weil jetzt einmal einer laut Elektro gerufen hat, ist dies noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Zumal die Produktion bisher nicht weniger emissionsintensiv daherkommt, als die Herstellung herkömmlicher Fahrzeuge, von den Bedingungen unter denen diese geschieht mal ganz abgesehen. Somit droht die nächste Verengung des Blickfeldes - jetzt wo der Verbrenner vor dem Aus steht - dabei sollte es eine vielfältigere Forschung und Entwicklung geben. Sonst könnte es passieren, dass schon in 10 Jahren ein ähnlicher Schock ansteht, der dann das endgültige Aus für die heimischen Autokonzerne und deren Zulieferer -also vor allem ihrer 800.000 Beschäftigten - bedeutet.
Magnetschwebebahn für alle!
Ein noch radikalerer Schritt in vielen Augen, jedoch eigentlich nur der logistische von allen, wäre der Ausbau alternativer Fortbewegungsmittel und der damit einhergehenden Infrastruktur. Sicher sind E-Trettroller im Zentrum von Brüssel oder Berlin der neuste Schrei, eine echte Lösung des Verkehrsproblems für alle können sie wohl kaum leisten. Ein sauberer, kostenloser, dicht getakteter und eng verzahnter Nahverkehr wäre doch die Lösung. Es muss ja nicht gleich die ICE Strecke Herringsdorf-Kleinmarzehns-Kulmbach sein, aber wenn überhaupt in allen Wohnorten dieses Landes regelmäßig, ja auch nachts, ein Verkehrsmittel abfahren täte, das nicht für den rein privaten Gebrauch bestimmt ist, wäre dies schon ein famoser Gewinn. Leistbar sind Autos, nämlich nur für den geringsten Teil der Bevölkerung, egal ob abgasfrei oder nicht, autonom oder human-gesteuert.
Die Gesellschaft muss den Impuls geben, die Politik muss ihn übersetzen und die Industrie muss ihn verwirklichen. Nur so können wir auf lange Frist gesehen (und diese Perspektive darf nicht abgehen) eine leistungsstarke, nachhaltige, soziale und sinnvolle Mobilität für alle Menschen ermöglichen. Egal ob in Köln, Demnin, Addis Abeba oder auf Samoa. Auch die Globalisierung wird voranschreiten und sie muss bei allen Entwicklungen und Entscheidungen mitgedacht, ihre Vorteile genutzt und ihre Nachteile präventiv bekämpft werden. 

Quellen: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/samstagsessay-urbane-arroganz-1.4414923; Foto: Von IFCAR - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3426886; Von unbekannt - Fürstenfeldbrucker Wochenblatt, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3501949

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