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Bau auf Bau auf.

VW befindet sich im Ab-, Auf- und Umbruch. Die Elektromobilität fest im Blick - vielleicht zu fest.


VW Werk in Zwickau-Mosel bekommt gerade ein rundum face-lifting
Der Modulare Elektrifizierungsbaukasten, kurz MEB ist die neue, starke Wunderwaffe des Volkswagen-Konzerns auf seinem Weg in eine krisenfeste Zukunft. So lautet jedenfalls der Selbstanspruch der Wolfsburger Autobauer und um diesem gerecht zu werden, tuen sie in der Konzernspitze momentan alles. Ab November 2019 müsste sich das Management mit seinen Ideen dann auch an konkreten Resultaten messen lassen. So soll bis Ende des Jahres der erste serienreife ID.3 das Werk in Zwickau verlassen. Rund 200 Testfahrzeuge sind aus diesem Zweck schon vom Band gelaufen, über ihre Praxistauglichkeit schweigt man sich beharrlich aus. 
Künftig sollen 330.000 Fahrzeuge sechs verschiedener Modelle jährlich, alle rein elektrisch versteht sich, die Produktionsstätte verlassen, das wären sogar 30.000 mehr als bisher. Ein immenser Kraftaufwand steht und stand dem Unternehmen und vor allem den lokalen Fabriken bevor. 44 Milliarden Euro investiert VW dafür in den kommenden fünf Jahren, mit dem Ziel die Vorherrschaft auf dem Automobilmarkt auch in zukunftsfähigen Bereichen zu übernehmen. In den nächsten vier Jahren sollen neben Zwickau noch sieben weitere Werke voll auf die Produktion von Elektrofahrzeugen umgerüstet werden, darunter Emden und Hannover als zwei weitere deutsche Standorte. 
In Sachsen läuft die Transformation schon ganz praktisch. Mitten auf dem Areal im Stadtteil Mosel wurde ein Containerdorf errichtet, welches einzig und allein dazu gebaut wurde, die Begeisterung der Mitarbeiter*innen für die neuen E-Flitzer zu wecken. Flankiert wird dies natürlich mit einem umfangreichen Weiterbildungsprogramm. Dieses umfasst für die 7700 Beschäftigten vor Ort 300 Module und 13.000 Trainingstage. Hinzu kommt die Anschaffung hunderter neuer Roboter und die Errichtung einer komplett neuen Produktionslinie. Der Automatisierungsgrad soll sich verdoppeln und auf etwa ein Drittel steigen. Logisch, dass die Angestellten im Betrieb die Entwicklung mit prüfenden Blicken verfolgen. Immerhin hat der größte Autobauer der Welt (10,4 Millionen verkaufte Fahrzeuge in 2018) versprochen, dass durch die Umstellung auf E-Automobile keine Arbeitsplätze verloren gehen sollen. Stattdessen will man bei VW noch weiter wachsen und einfach mehr Fahrzeuge absetzten. So sieht es für die Premieren-Linie des ID.3 auch schon ganz gut aus, bisher sind 15.000 Bestellungen eingegangen. 
wird neben dem Passat bisher in Zwickau gebaut: VW-Golf
Auch die Händler*innen sehen die Transformation skeptisch. Mit der neuen Unternehmensstrategie will der Automobilkonzern nun auch erstmals direkt als Verkäufer auftreten und seine E-Flitzer vermarkten. Dazu kommen die zahlreichen Angebote im Bereich Vernetzung und Digitales, welche künftig über eine zentrale Online-Plattform an die Kund*innen gebracht werden soll. Die bisherigen Vertragspartner fürchten Konkurrenz im eigenen Haus und berufen sich auf die letztes Jahr mit VW ausgehandelte Vereinbarung, wonach die Vermarktung durch den Konzern selbst möglichst wenig Schaden für die lokalen Vertriebswege hervorrufen soll. "We act as one" dürfte dennoch bald auf dem Schuttberg markiger Konzernslogans wandern. 
Ob die Entwicklungen beim niedersächsischen Unternehmen wirklich wie gewünscht laufen wird und die totale Fokussierung auf die Elektromobilität so klug ist, wie in der Unternehmensführung erdachte, zeigt sich frühestens mit dem Verkaufsstark in diesem Winter. Danach geht es vor allen Dingen um die Frage, wie sich VW dauerhaft am Markt behaupten kann und inwiefern die folgenden Modellreihen dazu beitragen werden. In Zwickau jedenfalls üben die Beschäftigten bis dahin noch mit Virtual-Reality-Brille die neuen Produktionsschritte. Spruchreif ist hier bisher noch gar nichts. 



Quellen: "Alles auf Elektro - Volkswagen stemmt größten Umbruch in Geschichte" C. Drescher und C. Raatz; "Händler gehen VW hart an - Brief an Konzernchef Diess" S. Winter, beides LVZ 1./2.6.19; Fotos: Von André Karwath aka Aka - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2572991; Von OSX - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45097218

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